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Jubiläumsjahr 2005: 100 Jahre Faltboot von Josef Still
Ein Faltbootfreund, der das Outdoor-Zentrum des KARSTADT an der Münchener Theresienhöhe betritt, fühlt sich mit ungläubigem Staunen um ein paar Jahrzehnte zurückversetzt: Er findet neben vielen aufgebauten Einer- und Zweierfaltbooten von Klepper, Nautiraid und Pouch eine große Auswahl von Zubehör und einen äußerst kundigen jungen (!) Berater. Das Faltboot scheint sich im Outdoor- und Expeditionsbereich eine originelle Position zurückzuerobern, während gleichzeitig der Faltbootfahrer in den Kanuclubs auf eine Mischung aus mitleidigem Spott der schnellen Plastikbootfahrer und nostalgischer Erinnerung älterer Paddler an lang zurückliegende glückliche Faltbootzeiten trifft. Wie auch immer: Entwicklungen wie das neue und jährlich erscheinende “Internationale Jahrbuch des Faltbootsports” und das Auftauchen exzellenter Faltbootseiten im Internet kommen nicht von ungefähr.
In diesem Jahr 2005 nun wird das Faltboot hundert. Ein Moselaner, Alfred Heurich aus Metz in Lothringen, hat es 1905 erfunden. Ein großer Erfolg wurde das Boot allerdings erst, als 1907 der Rosenheimer Schneidermeister Klepper das Patent von Heurich kaufte und die Boote professionell in einer Fabrik baute. Das Produkt kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Die “Wandervogel”- und “Deutsche Jugendbewegung” des beginnenden 20. Jahrhunderts hatte im Faltboot das ideale Sportgerät. Zahllose Faltbootwerften, die überwiegend bis zum zweiten Weltkrieg bestanden, schossen wie Pilze aus dem Boden. Nicht nur soziologische Gründe begünstigten den Faltbootsport; auch die noch fehlende “Individualmotorisierung” durch Autos kam der Bewegung entgegen, denn für den Transport in der Eisenbahn und notfalls dem Linienbus war (und ist) das zerlegbare Boot ideal.
Der Niedergang kam also erst in den sechziger Jahren, als PKWs mit Dachträgern die deutlich billigeren Kunststoffboote transportieren konnten. Aber auch die Attraktivität des Flusswanderns ließ durch zunehmende Flussregulierungen und Kraftwerksbauten nach. Etwas anders war es in der DDR: Die Faltbootgemeinde, meist ausgerüstet mit Poucher RZ 85-Zweiern, kleineren Kolibri-Zweiern und schnittigen und stabilen Pouch-Einern, war deutlich größer als die westdeutsche Faltbootszene, die in den teuren Klepperbooten aus Rosenheim, dank Neckermann und METRO aber auch in den DDR-Booten fuhr. Es ist nicht verwunderlich, dass die heutige Faltboot-Renaissance ihren Ausgang in den neuen Ländern nimmt: Faltboottreffen und Faltbootmuseen sind Zeichen einer liebevollen Rückbesinnung oder gar einer gewissen Denkmalpflege im Wassersport.
Hier nun der ausführliche Lebenslauf des Faltbooterfinders Alfred Heurich (aus: Neue Deutsche Biographie Bd. 9; 1972, S. 44 f). Einen Hinweis darauf verdanken wir den beiden “Faltbootforschern” Thomas Theisinger und Herbert Kropp. Herzlichen Dank an die beiden!
Heurich, Alfred, Faltbootkonstrukteur,
geb. 3.2.1883 Metz/Mosel (Lothringen), gest. 12.4.1967 Rosenheim. Katholisch. Vater: Candidus (1845-1937), Apotheker in Metz, Sohn des Lorenz, DrechsIer u. Bürgermeister in Rammerz (Kreis Fulda) u. d. Katharina Bolz. Mutter: Anna (1852-1930), Tochter des Jakob Louis Deve (geb. 1817), Goldschmied in Saarlouis, u. der Maria Heully; 12 Geschwister Verheiratet mit Karoline Maria (1885-1940), Tochter des Karl Dutz (geb. 1858, Bildhauer in Wien) u. der Maria Tomaschik Zweite Ehe mit Maria (geb. 1900), Tochter d. Franz Schoissengeier, Tierarzt in Laakirchen, Kreis Gmunden am Traunsee, u. der Kreszentia Blühweis.
Schon als Siebenjähriger fing Heurich an, Holzboote mit flachem Boden zu bauen, an deren Stelle 1895 wesentlich leichtere Kajaks traten. Das Problem des Rücktransports nach Flusswanderungen blieb jedoch bestehen. So entstand 1897 der zerlegbare “Pfiffikus” aus einem Gerüst aus Bambusstäben und einem Überzug aus Segeltuch, das erste Kajak-Faltboot, ein Wanderboot. Heurich hatte etwa ein Dutzend solcher Boote als Ein- und Zweisitzer hergestellt und, 17 Jahre alt, eine ausgedehnte Faltboot-Wanderfahrt nach Le Havre und Cherbourg unternommen, als er 1903 Metz verließ, um an der TH München Architektur zu studieren. Nach dem Vorbild eines Eskimo-Kajaks, den er in einem Münchner Museum gesehen hatte, baute Heurich 1905 mit einem Materialaufwand von 30 Mark in 3 Wochen ein in Gepäckstücke zerlegbares Rennboot, den “Luftikus", mit einer Länge von 4,5 m und einer Breite von 0,5 m, dessen Gerüst nach dem Zusammenbau durch einen verschnürbaren Schlitz im Hinterteil in die Segeltuchhaut geschoben werden konnte. Am 30. 5. fuhr Heurich auf der hochgehenden Isar von Tölz nach München. Diese Fahrt wird als Beginn des Faltbootsports angesehen. Im gleichen Jahr gründete er einen Faltbootklub und vollendete das unveröffentlicht gebliebene Manuskript eines Faltboot-Lehrbuches. Die auf der Hochwasserfahrt gewonnenen Erfahrungen wurden in Zusammenarbeit mit seiner späteren ersten Frau zu einem Faltboot für jedermann verwertet, dem “Delphin", der 4 m lang und 75 cm breit war und den er 2 Jahre lang selbst fabrizierte, bevor ihn Johann Klepper in Rosenheim 1907 als Muster für den Serienbau übernahm. 1909 trat Heurich in Brüssel seine erste Stellung als Architekt an. Sein weiterer Lebensweg führte ihn 1911 nach Metz zurück, 1913 nach Weißenfels und 1923 nach Rosenheim. Seine Patente und Veröffentlichungen befassen sich in erster Linie mit dem Faltkajak. Für seine Streckenkarte erhielt er einen Musterschutz. Auf Wanderfahrten angestellte Beobachtungen regten ihn zur Entwicklung einer “Paddelheilweise” an.
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PATENTE:
Nr. 212 972, Zusammenlegbares Segeltuchboot mit aus mehreren Teilen bestehenden Längsstreben, seit 19.8.1906
Nr. 280 718, Frischluftbett, seit 10.4.1914
Nr. 420060, Faltboot, seit 26.8.1924
Nr. 417 850, Kajak-Faltboot, seit 2.10.1924
SCHRIFTEN
Das Kajak-Faltboot, 1923, 1925
Wildwasserfahrten im Kajak-Faltboot, 1925
Vom Lehrling zum Meisterangler, 1925
Fix des Silberfischleins Abenteuer, 1927
Wasser-Führer für Faltboot- u. Kanufahrer (mit Fluss-Streckkarte), 1930.
LITERATUR
C. J. Luther, Paddelsport u. Flußwandern, 1923, 1930
20 Jahre Faltbootsport, in: Kanusport u. Faltbootsport, 1925, H.16
G.E. Bogeng, Geschichte des Sports aller Völker u. Zeiten, 1926
K. d'Ester, Schwarz auf Weiß, 1951
50 Jahre Faltkajak, in: Camping, 1955 H.6
H. Schaner, Ich sprach mit dem Erfinder des Faltboots, in: Österreichs Paddelsport 9, 1956.
(Lexikonartikel von Fritz Vollmar)
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