|
Die Donauversinkung bei Immendingen im Naturpark “Obere Donau” – ein faszinierendes Naturschauspiel
Zu Zeiten der Vollversinkung, wenn die Donau zu einem Nebenfluss des Rheins wird, kann man im Flussbett trockenen Fußes spazieren gehen.
Der Ausflügler, der die Donauquelle in Donaueschingen aufsucht, ersieht an der kreisrunden Quellfassung, dass der Donaustrom bis zu seiner Mündung ins Schwarze Meer 2.850 km lang ist.
Nach einem schlängelnden Lauf durch die Baar-Wiesenlandschaft tritt die Donau in die Kalktafel des Schwäbischen Jura ein. Der Wanderer, der von Immendingen den rechtsufrigen Wanderweg benutzt, staunt nicht schlecht, wenn er an einem Sommertag feststellen muss, dass die Donau plötzlich nach einem 26 km langen Lauf ihr Ende findet. Wir haben die Hauptversinkung der Donau am Brühl erreicht. Wo aber bleibt das Wasser und wie ist dies zu erklären?
Mächtigere Gesteinsformationen aus Kalk unterliegen der so genannten Verkarstung. Der Name ist von der slowenischen Landschaft “Krs” abgeleitet, wo große Flächen typische Karstformen wie Erdfälle, sog. Dolinen, schroffe Kalkfelder, sog. Karren, oder versinkende Bachläufe, sog. Ponore, zeigen. Die Verkarstung ist eigentlich ein chemischer Vorgang, bei dem der Kalk unter Einwirkung von kohlesäurehaltigem Wasser aufgelöst wird. Kein Gestein ist von Natur aus völlig dicht. Klüfte und Schichtfugen durchziehen jeden Gesteinsverband. Ein fließendes Wasser nimmt im Untergrund wesentlich mehr Kohlendioxid auf als von der Außenluft. Daher findet die Kalkauflösung vorzugsweise unterhalb der Erdoberfläche statt. Spalten und Klüfte werden nach und nach zu mehr oder weniger großen Hohlräumen erweitert. Die Erweiterung kann so groß werden, dass der darüberliegende Gesteinsverband nach bricht: Es entstehen so die Erdfälle, die auch in der Umgebung der Versinkungsstelle zu sehen sind. Man sprach früher bei einer Vollversinkung der Donau bei den Unterliegern von der “Wasserklemme”. Es ist einleuchtend, dass durch die ständige Kalkauflösung die Versinkungsmengen zugenommen haben. Durch Zeugenaussagen vor dem Bezirksgericht Engen ist belegt, dass vor 1874 die Donau niemals vollständig trocken fiel.
Dennoch führte die Wasserklemme in der gewerbereichen Stadt Tuttlingen zu empfindlichen Ausfällen an Mühlen und Triebwerken für das Gewerbe. Es blieb daher nicht aus, dass man sich um das Donauwasser stritt.
Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts waren die Donauschluckstellen bekannt. Schon damals vermutete man, dass das versinkende Donauwasser in der Aachquelle wieder zum Vorschein kommen würde. Die Unterlieger versuchten bei Wasserklemme, die Schlucklöcher zu verstopfen, was andererseits von den Aachanliegem nicht geduldet wurde. Als der Wasserstreit immer heftiger entbrannte, musste schließlich ein Beweis über den Zusammenhang zwischen Donau und Aach erbracht werden. Dieser Nachweis gelang im Herbst 1877 durch Einschütten von Salz, Farbe und geruchsintensivem Schieferöl in die Schlucklöcher in der Nähe der Furt beim Parkplatz an der Hattinger Straße. In der 12 km entfernten und 180 m tiefer gelegenen Aachquelle waren alle 3 Stoffe wieder nachzuweisen: Salz durch chemische Fällungsreaktion, Farbe durch eine “prächtig grün-leuchtende” Färbung des Aachquellwassers und Schieferöl durch einen “kerosotartigen” Geruch und Geschmack! Es lohnt sich, den 1,5 km langen Wanderweg an den Versinkungsstellen am Brühl entlang zu gehen. Man kann seinen Wagen entweder am oberen Grillplatz abstellen, der leicht von der Immendinger Donaubrücke aus zu erreichen ist, oder am Parkplatz an der Möhringer-Hattinger Straße.
Wenn man vom Grillplatz her kommt, erreicht man schon nach wenigen Schritten das rechte Donauufer. Beim Weiterwandern streift man sowohl kleinere als auch stärkere Schluckstellen, in denen das Donauwasser unter gurgelnden Geräuschen in die Tiefe versinkt. Diese Versinkungsstellen sind regelmäßig durch angeschwemmtes Getreibsel erkenntlich. In Trockenzeiten wird man beim Weitergehen leicht feststellen können, dass die Donau immer weniger Wasser hat. Schließlich erreicht man bei den genannten Witterungsverhältnissen das Ende der Donau. Man kann dann bis zum Parkplatz trockenen Fußes im Donaubett gehen!
Zu Zeiten der Vollversinkung strömt also alles Wasser zur Aach, die in den Bodensee mündet. Dann ist die Obere Donau sozusagen ein Nebenfluss des Rheins. Manchem Weinliebhaber ist das Jahr 1921 als ein Jahrgang für einen Jahrhundertwein im Bewusstsein. Damals war die Donau am Brühl auf Grund des für die Reben so günstigen und trockenen Wetters mit einem Rekord von 309 Tagen trocken. Die Wasserführung der Donau war so weit zurückgegangen, dass sogar die Schlucklöcher am Immendinger Wehr alles ankommende Wasser aufnahmen. Im Jahrhundertdurchschnitt ersinken am Brühl rund 5000 Liter in der Sekunde. Die Markierversuche von 1877 und jene, die später unternommen wurden, ergaben Fließzeiten zur Aachquelle, die je nach den Witterungsverhältnissen verschieden lagen. Bei hohem Wasserstand trifft das Donauwasser in der Aachquelle bereits nach 30 Stunden ein, bei Trockenheit benötigt es dazu aber über 80 Stunden. Bei den Untersuchungen über die unterirdischen Fließverältnisse wird das Wasser mit bestimmten, leicht nachweisbaren, aber umweltunschädlichen Mitteln “markiert”. Als bestes Markiermittel wird so genanntes Uranin verwendet, das bereits 1877 weltweit erstmalig und dazu mit großartigem Erfolg hier eingesetzt wurde. Die in den letzten Jahren gemachten Markierungen zeigten bemerkenswerterweise, dass das versinkende Donauwasser nicht ausschließlich in der Aachquelle, sondern auch östlich, südlich und westlich von Aach in verschiedenen Quellen, jedoch nur in untergeordneten Anteilen, wieder austritt.
Wer es besonders eilig hat, kann die Versinkungsstellen am rechten Donauufer gegenüber der Gemeinde Immendingen aufsuchen. Man kann sie bequem über die Donau- und Eisenbahnbrücke erreichen. Nur wenige Meter vom Straßenrand sind die Schlucklöcher bei jedem Wasserstand der Donau zu sehen. Auch von diesen Versinkungsstellen ist ein Nachweis für den Wiederaustritt in der 13,4 km entfernten Aachquelle erbracht worden. Unterhalb der Hauptversinkung am Immendinger Brühl fließen auch bei Trockenzeiten von Norden Nebenflüsse in die Donau, so dass ab Möhringen stets zumindest ein bescheidener Wasserlauf besteht. Einige Kilometer unterhalb der Stadt Tuttlingen verliert die Donau in der weit nach Süden ausgreifenden Fridinger Flussschleife nochmals Wasser. Allerdings ist diese Versinkungsstelle nur schwer für den Ortsunkundigen auszumachen. Markierversuche ergaben wegen des geringen Gefälles und wegen der größeren Entfernung Fließzeiten zur Aachquelle zwischen 4 - 8 Tagen.
An Vorschlägen zu Maßnahmen im Bereich der Donauversinkung hat es nicht gefehlt. In den 20er Jahren wurden etwa ein halbes Dutzend Projekte zur Nutzung der Wasserkraft zwischen dem Brühl und der Aach ausgearbeitet, von denen jedoch keines zum Zuge kam. Andere Vorschläge zur Umleitung der Donau an der Hauptversinkung scheiterten am Widerstand der Aach-Unterlieger. Letzten Endes wurden dann zwei Stollen gebaut. Der eine befindet sich zwischen Immendingen und Möhringen; sein Einlaufbauwerk ist auf dem gegenüberliegenden Ufergelände zu sehen, wenn man sich von Immendingen dem Grillplatz am Brühl nähert. Der Stollen dient dazu, bei Niedrigwasser eine Mindestwassermenge der Donau zu erhalten, um einen Staatsvertrag zwischen Baden-Württemberg und Bayern zu erfüllen. Dieser Vertrag wurde geschlossen, weil die wasserdurstige Landeshauptstadt Stuttgart zur Grundwasseranreichung unterhalb Ulm Flusswasser entnimmt. Der andere Stollen wurde bereits Mitte der 20er Jahre bei der Stadt Fridingen erstellt. Er dient zur Wasserkraftgewinnung unter Umgehung der 14 km langen Fridinger Schleife und verläuft parallel zum Eisenbahntunnel zwischen Fridingen und dem Kloster BEURn.
Dass der Vorgang der Verkarstung zwischen der Donau und der Aachquelle vor unseren Augen weitergeht, kann man an den Einbrüchen erkennen, die immer plötzlich auftreten. So geschah am 24. Juni 1994 um 11.30 Uhr ein Einbruch mitten im Donaubett. Die z.T. zugefüllten Löcher sind bei Vollversinkung noch einigermaßen etwa in Höhe der Waldhütte auszumachen. Ältere Einbrüche auf der Hochfläche südlich der Donau sind z.T. mit Namen versehen worden: Michelsloch, Hardtloch, Gefallenes Loch. Letzteres liegt unmittelbar rechts der Straße Immendingen - Bahnhof Hattingen im Wald.
Für jeden, der am Brühl vorbeigeht, ist der Besuch der Aachquelle ein Muss! Mit 8.600 Litern in der Sekunde im Jahresdurchschnitt ist sie die stärkste Quelle Deutschlands. Sie tritt nur wenige Schritte neben der Bundesstraße 31 in der Stadt Aach aus Spalten der Jurakalke hervor. Ihr Wasser bezieht sie zu etwa 2/3 aus den Versinkungsstellen an der Donau, der Rest wird vom Niederschlag im Zwischengebiet gespeist. Die Aachquelle verdankt ihre Entstehung den in der letzten Eiszeit abgeflossenen Schmelzwässer des Rheingletschers. Das “Eisrandtal" zwischen Eigeltingen und Aach, dem die Bundesstraße folgt, hat sich vor rund 17.000 Jahren weit eingetieft und dabei die Spalten des Donau-Aachquell-Systems freigelegt. Seitdem kommt ein unablässiger Wasserstrom aus 17 m Tiefe und ergießt sich nach einem Lauf von 25 km bei Radolfzell in den Bodensee.
zum Bild: Das Einzugsgebiet der Aachquelle liegt im Dreieck Immendingen - Fridinger Donauschleife - Aach. Im dortigen Karstgeblet des Jurakalks versinken die Niederschlagswässer nahezu ungehindert in den Untergrund. Neben der Aachquelle kommt das Wasser aus diesem Einzugsgebiet untergeordnet auch bei Engen, Beuren und Eigeltingen zum Vorschein.
Quelle: Informationsblatt, das an der Versickerungsstelle kostenlos erhältlich ist
|